Mit rotem Feinripp in ein erfolgreiches Pferdejahr

Glücksverheißende Unterwäsche von Schiesser. © at

Glücksverheißende Unterwäsche von Schiesser. © at

Haus- und Wohnungstüren sind mit roten Glücksbringern geschmückt, der Verkehr auf den Straßen erlahmt und mit zunehmender Intensität, Lautstärke und Farbenfreude verwandeln sich selbst ruhige Stadtviertel in Kriegsschauplätze mit gleißenden Blitzen und ohrenbetäubenden Detonationen. „Und wer hat’s erfunden? Die Chinesen!“ 30. Januar 2014, Mitternacht: China begrüßt das neue Mondjahr. Die Schlange hat sich verkrochen, das Pferd mit dem Element Holz ist der neue Hausherr und hält Einzug mit ausgiebigen Feierlichkeiten, bei denen sich alles um die Maximierung des Glücks zu drehen scheint. Schicksalsbeeinflussende Mittel und Wege? Die Antwort lautet: Rot, die alles dominierende und glücksverheißende Farbe, die nicht nur allerorts ins Auge springt, sondern tatsächlich auch bis auf die Haut geht. Schließlich gehört es zum Brauch, an den Feiertagen – sicht- oder unsichtbar – ein rotes Kleidungsstück zu tragen.

Diese Tradition bietet interessante Geschäftsmöglichkeiten, unter anderem für Deutschlands größten Hersteller von Unterwäsche: das baden-württembergische Unternehmen Schiesser aus Radolfzell am Rhein, chinesisch: shuya (舒雅). Angeboten in einer attraktiven Geschenkverpackung leuchten auf den Kaufhausauslagen rechtzeitig zum Neujahrsfest chinarote Dessous mit gold-glänzender Applikation des Tierkreiszeichens. Für den Herrn oder für die Dame – eine Dose in Form eines Hufeisens rundet die Sonderedition ab und lässt das Käuferherz ganz im Sinne des Slogans „everything that touches you“ (一切尽在感受中) höher schlagen. Allem Anschein mit Erfolg: Bis dato zählt das 1875 von dem Schweizer Fabrikanten Jacques Schiesser gegründete Unternehmen auf seiner chinesischen Social-Media-Plattform Sina Weibo beinahe 59.000 Fans. Der heutige Marktführer unter den deutschen Wäschespezialisten schaut auf eine über 130-jährige Chinageschichte, schließlich wurde China neben dem Vorderen Orient, Indien und Japan schon vor 1880 als einer der ersten Exportmärkte erschlossen.

Schiesser sieht sich als Marke, die mitten im Zeitgeschehen ihren Wurzeln treu bleibt und zugleich neue zukunftsweisende Werte für den Kunden von heute und morgen schafft. Zeitgeist und Tradition im Einklang: Ein generelles Verständnis, das auch im Chinageschäft von Bedeutung ist. Bereits 1898 äußerte der deutsche Gesandte Max von Brandt, dass alles schon einmal dagewesen sei und aus der Vergangenheit manches gelernt werden könne. Diese Keime der Erkenntnis gelte es in das Feld der Zukunft zu säen.

Die Erkenntnis langfristig geltender Einfluss- und Erfolgsfaktoren ist gerade im Pferdejahr von Bedeutung. Wer bei Holzpferd an einen lustigen Schaukelspaß denkt, der hat das falsche Pferd gesattelt. Schließlich steht das siebente Tier des chinesischen Zodiaks, in dem die starke Kraft Yang ihr Maximum erreicht, im Sinne der Redewendung „Ein himmlisches Ross galoppiert durch die Lüfte“ (天马行空, tianma xing kong) für Unbändigkeit und Freiheitswillen. Es ist kräftig, unruhig, temperamentvoll und schnell, sodass besonders gründliche Vorkehrungen zu treffen sind.

Goldene Hufeisen und ein letztes Mal die Farbe der Unterwäsche prüfen. Dann heißt es wortwörtlich „ma shang“ (马上) – hinauf aufs Pferd – und auf in ein erfolgreiches neues Jahr! at

Veröffentlicht unter Fallstudien | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Chinas süßer Goldrausch

Langnese Honig auf China-Expansion. © at

Langnese Honig auf China-Expansion. © at

Mit einem Marktanteil von gut 26% ist China der größte Honigproduzent der Welt und einer der globalen Hauptexporteure. Laut Auskunft der Dachorganisation der EU-Landwirte sind die chinesischen Honigimporte allein in der Europäischen Union innerhalb der vergangenen fünf Jahre um 50% gestiegen. In einer jüngst überreichten Petition macht der Verband seinem Ärger über niedrige Preise und noch niedrigere Qualität Luft. Wie ein Blick in die chinesische Presse verrät, bekommt er argumentative Unterstützung aus dem Herkunftsland selbst: Die Jinan Times berichtete vor wenigen Monaten, dass zwischen 60 und 70% des in China lokal produzierten Honigs gefälscht sei. Fertigen Fruktose-, Rüben- oder Reis-Sirup in Honig unterzumischen ist schließlich profitabler. Für fachunkundige Konsumenten ist der Unterschied nicht zu erkennen, noch dazu, wenn die Verpackung attraktiv und der Preis überzeugend sind. Doch die Kennzeichnung „100% Naturhonig“ ist definitiv eine Täuschung. CCTV berichtete über einen weiteren Fall in der regierungsunmittelbaren Stadt Chongqing, wo über 500kg falscher Nektar beschlagnahmt wurde. Das Endprodukt habe null Prozent Honig enthalten, im Gegenteil: Auf 1.000g wurden 18mg Aluminiumrückstände nachgewiesen. Die Nachricht breitete sich in Chinas Onlineforen rasant aus. Ein Nutzer kommentierte spöttisch, Chinese und Experte für Lebensmittelsicherheit zu sein, sei zunehmend identisch.

Honig nach China zu exportieren ist vor diesem Hintergrund kein „Eulen nach Athen tragen“, sondern wirtschaftlich gesehen eine bedeutende Opportunität. Schließlich genießen westliche Produkte bei chinesischen Konsumenten ein hohes Ansehen und haben ein starkes Potenzial, das tiefe Kundenbedürfnis nach Qualität und Sicherheit zu befriedigen. Dieses kommt Unternehmen wie Langnese (琅尼斯, lang-ni-si) zugute, das seit zahlreichen Jahren in China kräftig expandiert. Die Hamburger Traditionsfirma hatte interessanterweise schon vor ihrer Taufe einen China-Bezug. Denn deren Gründer, Karl Rolf Seyferth, war Geschäftsführer der „Deutsch-Chinesischen Eiprodukten Gesellschaft“, als er in seiner Funktion als Importeur 1924 wortwörtlich auf den Honig kam und 1927 mit der Hamburger Biskuit-Fabrik von Viktor Emil Heinrich Langnese inkorporierte. Langnese Honig avancierte zum unangefochtenen Marktführer seit nunmehr 55 Jahren und mit einer gestützten Bekanntheit von über 96% zur bekanntesten Honigmarke in Deutschland. Auf dieses Unterpfand setzt der Honighersteller mit dem unverwechselbaren wabenförmigen 6-Eck-Glas auch in China. Unter der Applikation der schwarz-rot-goldenen Landesfahne folgt ein Verweis auf die hundertprozentige Importeigenschaft: 德国原装进口. Neben den Klassikern Sommerblüte, Feinste Akazienblüte oder Gelée Royale setzt Langnese in China auch auf ansprechende Geschenkverpackungen, beispielsweise mit Wabenmotiven, kolorierten Naturlandschaften und dem Maskottchen, der bienenfleißigen Sabienchen. In der Zeit zwischen Weihnachten und dem Chinesischen Neujahrsfest sind diese besonders populär und haben einen signifikanten Einfluss auf den jährlichen Umsatz.

Während die Bienenzucht im Mittelmeerraum schon um 2.400 v. Chr. nachgewiesen werden kann, gehen Chinas erste Honigtraditionen lediglich bis in die Han-Dynastie zurück (206 v. Chr. – 220 n. Chr.). Als diätetisches Lebensmittel findet Honig erstmals in der Späten Han-Zeit in „Shennongs Klassiker der Drogenkunde“ Erwähnung (神农本草经, Shennong bencaojing). Anno dazumal galt Honig als rares Lebensmittel und musste in großen Mengen über die Seidenstraße aus Samarkand im heutigen Usbekistan eingeführt werden. Noch vor 1700 wurden über vier Fünftel des Honigs von wilden Bienen gesammelt und nur knapp 20% von kultivierten. In der Folge wurden in China nie große Honigerträge erzielt, was sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Einführung westlicher Methoden änderte.

Verwendung findet Honig neben der chinesischen Medizin – hier als Arzneimittel oder als Bindemittel zur Pillenherstellung – selbstredend in der Küche zum Beispiel als Würzmittel, zur Konservierung von Früchten oder zur Herstellung von Honigwein. Gleichwohl Chinas jährlicher Pro-Kopf-Verbrauch in den Achtzigern mit 36g noch weit abgeschlagen hinter den USA (500-600g) oder Deutschland (1.200-1.300g) lag, ist das aufstrebende Land laut einer Studie der Vereinten Nationen heutzutage der weltgrößte Konsument von Honig mit jährlich 238.000 Tonnen. Kaum vorstellbar erscheinen die Relationen vor dem Hintergrund, dass für 150g Honig ungefähr 20.000 Bienenflüge nötig sind, wobei eine Biene pro Tag um die 40 Ausflüge macht und 4.000 Blüten besucht.

Summa summarum liegt der aktuelle jährliche Pro-Kopf-Verbrauch damit bei gut 175g, was zwar eine Verfünffachung in den letzten drei Jahrzehnten bedeutet, aber lediglich ein Drittel des durchschnittlichen Konsums in der EU darstellt. Hoffnungsvolle Perspektiven also für die „Marke des Jahrhunderts“ Langnese. Allem Anschein nach gilt folglich: Der süße Goldrausch in China ist noch lange nicht beendet. at

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Sommertipp: Drachendusche

Hansgrohe. © at

Hansgrohe. © at

Ein Drache auf einem Duschkopf? Wer diese Tage einen der über 400 Hansgrohe-Showrooms in China betritt, bemerkt alsbald eine aktuelle Verkaufsaktion: Ein Duschkopf mit Drachenimpression, elegant mit einer Schleife in schwarz-rot-gold dekoriert und flankiert mit Designpreisen und Auszeichnungen, springt den Besuchern ins Auge. Auch die Preisgestaltung unterstreicht den lokalen Ansatz: 988 RMB für die goldene Ausführung, 788 RMB für die weiße, schließlich steht die Acht hierzulande für Wohlstand und Reichtum.

Der Drache wiederum als Designelement ist in vieler Hinsicht eine gelungene Wahl. Der Zusammenhang zwischen einer Regendusche und einem Drachen mag sich einem westlich sozialisierten Kunden nicht sofort erschließen, in China hingegen gilt der Drache als regenspendendes Geschöpf. Die französischen Missionare Évariste-Régis Huc und Joseph Gabet berichteten 1874 in ihren „Wanderungen durch das Chinesische Reich“, dass Chinesen in Dürrezeiten „vom Drachen des Regens nasses Wasser“ erflehten: „Im schlimmsten Falle und als letztes Mittel werden Processionen veranstaltet, bei welchem unter wahrer Höllenmusik ein Drache von Holz oder Papier umhergetragen wird.“ Daneben gilt der Drache als Totem der chinesischen Nation und Repräsentant der traditionellen Kultur. Ausgrabungen belegen, dass Chinesen diesem Fabelwesen bereits vor über sechstausend Jahren Respekt zollten, und seit der Han-Dynastie (206 v. Chr.-220 n. Chr.) ist er das heraldische Emblem des Kaisertums. Schon seit 1900 lässt sich nachweisen, dass Drachen der Vermarktung ausländischer Produkte dienten.

Hansgrohe selbst ist seit 2003 mit einer eigenen Produktion in Shanghai präsent, um deutsche Qualität zu chinesischen Preisen herzustellen und damit im chinesischen Wettbewerb standzuhalten. Gleichzeitig ermöglicht diese Standortinvestition, Produkte zu entwickeln, die lokalen Nutzerpräferenzen und Designvorstellungen entsprechen. Neben dem gehobenen Projektgeschäft hat vor allem der Ausbau des flächendeckenden Händlernetzwerks einen wesentlichen Anteil an der chinesischen Erfolgsgeschichte des 1901 von Hans Grohe gegründeten Schwarzwälder Unternehmens. Anders als in Deutschland, wo viele Kunden es dem Installateur überlassen, die Armaturen für sie auszuwählen, wollen chinesische Käufer sich umfassend informieren und die Produkte zuvor sehen, anfassen und testen. Folglich soll dieser bedeutende Distributionskanal weiter wachsen, 2013 auf über 500 landesweite Verkaufsstellen und Flagshipstores in Kernstädten wie Peking, Shanghai, Shenzhen oder Hangzhou. Mit einem Jahresumsatz um 100 Mio. Euro bereits die Nummer 1 unter den deutschen Armaturenproduzenten in China, will Hansgrohe mit dieser strategischen Ausrichtung das zweistellige Wachstum fortschreiben, mit dem sich China seit Jahren zum wichtigsten Auslandsmarkt für die in 37 Ländern auf allen Kontinenten etablierte Gruppe entwickelt. Um den Ausstoß zu verdoppeln, wurden jüngst 13 Millionen Euro investiert und die Produktionsfläche im Shanghaier Werk um rund 8.000 Quadratmeter vergrößert.

„Jemanden im Regen stehen lassen“ gewinnt bei Hansgrohe eine durch und durch positive Bedeutung. Während sich chinesische Kunden der „飞雨Select 150龙版花洒“ im Regen des mystischen Drachen duschen, erhalten Teilnehmer der parallel zum Verkaufsevent stattfindenden Aktion auf der Social Media Plattform WeChat handliche Taschenschirme. Die Zauberformel lautet: Kaufen, Folgen, Teilen. So oder so, der Regen mag kommen! at

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Und zum Kaffee einen Drachen-Zongzi

Starbucks. © at

Starbucks. © at

Ausverkauft. Auch in diesem Jahr ist die Starbucks Geschenkverpackung anlässlich des traditionellen chinesischen Drachenbootfests wieder ein Verkaufsschlager. Fünf Zongzi (粽子), in Bambus-, Schilfrohr- oder Lotusblätter eingewickelte Klebreisklöße in den beliebten Geschmacksrichtungen wie Grüner Tee, Mango oder Rote Bohne, haben für reißenden Absatz gesorgt. Die kulinarische Spezialität, in einer ansprechenden Box aus Bambus dargeboten und im Marketing-Fachchinesisch werbewirksam „Dragon Dumpling“ genannt, zeigt einmal mehr den forcierten Lokalisierungsansatz der amerikanischen Kaffeekette. Schon lange gilt die Integration kultureller Elemente als geschäftlicher Erfolgsfaktor.

Dass sich die landesweit via Anzeigenkampagne vermarktete farbenfrohe Selektion aus einer Fünferauswahl zusammensetzt, darf kaum als Zufall gelten, schließlich fällt das Drachenbootfest nach dem traditionellen chinesischen Kalender auf den fünften Tag des fünften Mondmonats und heißt daher auch „Fest der Doppelfünf“ (duanwujie, 端午节). Der fünfte Monat gilt als Giftmonat (duyue, 毒月), um sich zu schützen hilft ein Kräuterbad aus Beifuß, Weidenblättern und Kalmus, oder ein kräftiger Schluck Wein, der zuvor mit Rubinschwefel vermischt wird (xionghuangjiu, 雄黄酒). Kindern wiederum wird ein mit Kräutern gefülltes Duftsäckchen um den Hals gehängt (xiangbao, 香包).

Am jährlichen Drachenbootfest, dessen Ursprung legendenhaft und mythenumwoben ist, wird des Todestages von Qu Yuan gedacht (屈原), der im dritten Jahrhundert v. Chr. zur Zeit der Streitende Reiche lebte und als Chinas erste historisch belegte Dichterpersönlichkeit gilt. Am Hof des Königshauses von Chu soll er einen einflussreichen Ministerposten bekleidet, aufgrund seiner aufrechten Haltung, ausgeprägten Wahrheitsliebe und kritischen Meinung jedoch die Gunst des Herrschers verloren haben und exiliert worden sein: „Alle sind sie betrunken, nur ich bin nüchtern und sehe klar. Alle sind schmutzig, nur ich bin rein. Deshalb bin ich entlassen worden.“ Der zuvor im Volk beliebte Beamte fristete ein Leben in Einsamkeit, wandere durch die angrenzenden Reiche und verfasste neben der Gedichtsammlung Chuci (楚辞), die heute neben dem Buch der Lieder (Shijing, 诗经) als älteste poetische Kompilation gilt, die bedeutende Elegie Lisao (离骚). In diesem Klagegedicht verarbeitet er seine Schmerzen und Trauer der Trennung.

Qu formulierte Visionen für sein Königreich und die Verbesserung der Lebensbedingungen der einfachen Bevölkerung, doch ein Krieg zwischen den Reichen Chu und Qin, der seine Heimat zerstörte, schien ihm sämtliche Hoffnung auf Veränderung und Verbesserung geraubt zu haben, sodass er den Beschluss fasste, seinem Leben ein Ende zu setzen, und sich im Miluo-Fluss im heute nordöstlichen Hunan mit einem Stein ertränkte. Erst im Tod erfolgte die versöhnende Wiedervereinigung: Einer Überlieferung nach soll sich ein Goldkarpfen, gerührt durch das Schicksal des zu Lebzeiten stets um das Wohl seiner Heimat besorgten Patrioten, den Leichnam auf seinen Rücken gelegt und in dessen Heimat zurückgeschwommen haben.

Ob nun eine zuvor beispiellose Rettungsaktion in Gang kam, um den Vermissten schnellstmöglich mit Drachenbooten im See zu suchen, Zongzi in den Fluss geworfen wurden, um den Leichnam des Helden vor hungrigen Fischen zu bewahren oder ein Arzt den besagten Xionghuang-Wein in das Gewässer goss, um die Seeungeheuer betrunken zu machen, aus der Legende wurde ein Brauch, aus dem Brauch in China eine jahrtausendealte Tradition und im Westen ein populärer Trend. Und nicht zuletzt ein big business für die Wirtschaft, die sich dem oberflächlichsten Faktor im klassischen Sinne von „Brot und Spiele“ – fraglos am ehesten massenkompatibel, wortwörtlich populär – angenommen hat. Die Ausgestaltung des Festes muss folglich wie die Umkehrung des Rosinenpickens aus einem Kuchen erscheinen.

Doch während heutzutage hauptsächlich das Design der Geschenkverpackungen und exquisite Geschmackskompositionen im Vordergrund stehen, sollte das Wesen- und Charakterhafte des tiefgründigen und freigeistigen Dichters nicht in Vergessenheit geraten, denn an Brisanz hat die Unvereinbarkeit von Ideal und Realität nichts eingebüßt: Das eine, die herausragende Leistung, Wachstum und Fortschritt, ist ohne das andere, freies Denken, kritische Reflexion und Hinterfragen nicht zu erzielen. Nur allzu oft und vielerorts sind die Lebensumstände auch heute nicht förderlich. Für ihre Integrität bezahlen diese Menschen, wie das Beispiel Qu Yuan erinnert – die Einsamkeit eines Weisen ist nicht zuletzt sprichwörtlich –, mit Verbannung und Vereinsamung. Und diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Nicht nur an die Tatsache und die Begebenheiten von Qu Yuans Tod sollte in aller Feierstimmung bei Drachenbootregatta, Feuerwerk und Starbucks-Drachen-Zongzi erinnert werden, vielmehr auch an die Tragik der Umstände und Beweggründe und vor allem: die uneingeschränkte Aktualität. at

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Tante Emma liebt Papierlaternen

Coca-Cola. © at

Coca-Cola. © at

Weltbekannt sind die Bilder von Shanghais oder Hongkongs Haupteinkaufsstraßen mit ihrem Überschwang an Außenbeleuchtungen. Bereits Johann Christian Hüttner, der einzige deutsche Teilnehmer an der britischen Macartney-Gesandtschaftsreise nach China, berichtet 1794 von der Vorliebe der Chinesen für auffallenden, grell-bunten Häuserschmuck, von vergoldeten Türmen und Geländern, von grellen Farben sowie „einer Menge von bunten Papierlaternen, die von allen Häusern hingen“.

Von solcherart Zierrat zu der ebenso bunten, ins Auge springenden Außenwerbung chinesischer Geschäfte ist es nicht weit. Der Reiseschriftsteller Ernst Lauterer berichtet 1910: „Von dem etwas hervorstehenden zweiten Stockwerk der Häuser wallen rote Zettel herab, von welchen die chinesische Schrift in Gold hervorleuchtet, und ähnliche Holztafeln weiter unten geben die Firma und die verkäuflichen Artikel an.“ Der chinesische Kaufmann sehe in Anpreisungen vor seinem Geschäftshaus auf poetischen Ladenschildern oder in Beleuchtungseffekten, die dem Vorübergehenden ins Auge fallen, die einträglichste Reklame und gebe dafür in den großen Städten Tausende aus. Für eine Anzeige in der Presse sei er hingegen nicht bereit, Geld zu opfern. Vor allem neu eröffnete Geschäfte machten mit reich geschnitzten Fronten im Glanz neuer Farben und frisch-strahlendem Gold auf sich aufmerksam.

Bei BASF lassen sich historische Beispiele für derartige Formen der Verkaufsunterstützung im Kaiserreich finden: „Wir zahlten ihnen Musikkapellen für ‚Indanthrentage‘ und ließen auf unsere Kosten an auffallenden Plätzen große Werbemalungen erstellen“, so ein Bericht im Ludwigshafener Unternehmensarchiv. Auch aktuell fällt die reiche Außen- und Schaufensterdekoration vor allem an den unabhängigen „Tante-Emma-Läden“ und traditionellen Märkten auf – landesweit gibt es über sechszehn Millionen. Indem hier gut 59% des Einzelhandelskonsums in China getätigt werden, sind sie für Marktakteure kein zu vernachlässigender Absatzkanal. Das Beispiel Coca-Cola manifestiert, dass sich Geschichte zu wiederholen scheint. Vielmehr: Bestimmte Einfluss- und Erfolgsfaktoren im China-Marketing weisen eine signifikante Kontinuität auf. Rot-goldene Papierlaternen mit weißem Markenschriftzug schmücken die Fassaden von Händlern, Einkaufsläden und Cafés… 2013. at

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Unendliches Meer und grenzenloser Himmel – Werbeslogans im China-Marketing

Let's GAP together. © at

Let’s GAP together. © at

Im Rahmen der verbalen Werbegestaltung muss wie bei den Markennamen den Eigenheiten der Sprache, der Prägung des Denkens durch die Sprache sowie zusätzlich den Bildungsniveauunterschieden zwischen den Zielgruppen Rechnung getragen werden, um den Kommunikationserfolg nicht durch Fehlinterpretationen zu gefährden. Die Bundesagentur für Außenwirtschaft mahnt wiederholt vor dem Einsatz von Fremdsprachen. Entsprechende Kenntnisse seien in der Bevölkerung so gut wie nicht vorhanden.

Studien verdeutlichen, dass Chinesen, die im täglichen Sprachgebrauch lokale Dialekte verwenden, stärker auf Werbetexte reagieren, die in der gleichen Mundart abgefasst sind. Die Verwendung von Langzeichen ist bei Werbesprüchen im Gegensatz zu Marken- oder Firmennamen nicht erlaubt. Die Werbesprache ist zudem auf Hochchinesisch und Kantonesisch beschränkt.

Der souveräne Umgang mit einer Sprache ist ein imagebildender Faktor in der Kommunikation. Dieser besitzt das Potenzial, einen Beitrag zum Aufbau von Vertrauen und Glaubwürdigkeit bei der Zielgruppe zu leisten. Fehler treten auf, wenn die linguistische Sensibilität bei Eintritt in den chinesischsprachigen Markt fehlt. Der Coca-Cola-Slogan „Coke adds life“ wurde 1976 in Taiwan in „Coke will bring back your ancestors from the grave“ übersetzt (vgl. Ambler/Witzel).

Es empfiehlt sich, die Werbebotschaft sinngemäß zu übersetzen, wenn eine direkte Übertragung beispielsweise aufgrund rechtlicher Bestimmungen nicht möglich ist. Die Thematisierung von Individualität ist neben dem Verbot von Superlativen ein weiterer Aspekt, der – analog zur „geistigen Zivilisierung“ – bei inhaltlichen Übersetzungen problematisch ist. Der Nescafé-Werbespruch „Ich bin so frei, Nescafé ist dabei“ wurde zu „The taste is great“ (未到好极了, weidao hao jile). Der Apple-Slogan „Think different“ ist dagegen zugelassen: 解放你的思维 (jiefang ni de siwei) und heißt übersetzt „Befreie deine Gedanken“. Visa benutzt für seinen Werbespruch eine chinesische Redewendung: 海阔天空 (haikuo tiankong, unendliches Meer und grenzenloser Himmel). Dieses steht – den deutschen Visa-Slogan zugrunde legend – für die Freiheit, die man sich nimmt. Redewendungen sind in China sehr beliebt. Sie unterstützen die indirekte Ausdrucksweise und unterstreichen dennoch die Bedeutung einer Aussage.

Die amerikanische Kleidungskette GAP punktete schließlich mit einem Slogan, der Individualität und Gemeinsamkeit, Ursprungsland und Zielmarkt verbindet: Let’s GAP together (让我们在一起, rang women zai yiqi). Auf den Anzeigen sind zwei Persönlichkeiten aus den USA und China abgebildet, die eine gemeinsame Passion teilen, wie zum Beispiel die Sänger Usher und Jolin Tsai. at

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Frohe chinesische Ostern

China-Osteredition von Lindt. © at

China-Osteredition von Lindt. © at

Wer glaubt, in diesen Tagen hätte der Osterhase eine unangefochtene Monopolstellung, der hat sich getäuscht. Kulturelle Hybridbildung, wo man nur hinschaut, in Ost und West, jetzt auch in der Domäne abendländischer Ostersymbolik Wettbewerb aus China! Immerhin hausgemacht, wie eine in Gelb gehaltene Präsentdose in Eiform und mit Drachenmuster aus dem Hause Lindt & Sprüngli eindrucksvoll belegt. Überhaupt ist die Zunahme fernöstlicher Symbole und Bilder, zumindest, was im Westen darunter subsummiert wird, in deutschen Supermärkten und Einrichtungshäusern unübersehbar.

Erleben wir eine ubiquitäre Renaissance der Chinoiserie? Der Drache war schon zu damaliger Zeit überaus beliebt, wie anhand des Drachenhauses aufgezeigt werden kann, das Ende des 18. Jahrhunderts in der Potsdamer Parkanlage Sanssouci im Stil einer chinesischen Pagode entstand und dessen Dach imposante Drachen zieren. Ob Gebäude, Möbel, Tapeten, Flakons oder Porzellanware – der Drache vereinte alle Sehnsüchte nach dem exotischen Land. Doch trotz seiner visuellen Ähnlichkeit, weicht die symbolische Bedeutung in den Kulturkreisen weit voneinander ab. Der westliche Drache steht für das Böse, in der christlichen Legende zog der Heilige Georg aus, um das Ungeheuer zu töten, in China dagegen gilt er als Art Totem der Nation, Repräsentant der traditionellen Kultur, Glücksbringer und magisches Wesen, das mit den Göttern im Himmel zusammenlebt.

Über Jahrhunderte ist eine Ambivalenz des China-Bildes zu konstatieren, die während der globalen Großereignisse wie die Olympiade in Peking 2008 und die Shanghaier Weltausstellung 2010 eine historische Dimension eingenommen hat: So bestimmt wie vielleicht niemals zuvor sah sich das diffuse Konstrukt westlicher Chinarezeption – Lee spricht von „Chinas Unlimited“ – mit einer an Stringenz gewinnenden Identitätskonstruktion auf chinesischer Seite konfrontiert. Erinnert sei an ein Starbucks Café in der Verbotenen Stadt in Peking, das bereits 2007 nach einer kontrovers geführten Debatte über westlichen Kulturimperialismus und chinesische Identität schließen musste.

Die Eröffnungs- und Abschlussfeierlichkeiten dieser Veranstaltungen enthalten eine Vielzahl an bildlichen Symbolen mit kulturellen Bedeutungsgehalten, kulturelle Repräsentanten eines von chinesischer Seite erwünschten Chinabildes. Zu nennen sind hier beispielsweise Trommeln (鼓), Silberglocken (银铃) oder der Kreis (圆) als Zeichen für Harmonie, Erneuerung, Glück und Helligkeit. In diesem allusiven, kodierten Kontext sind auch die „China Time-honored brand“-Bemühungen (中华老字号) sowie die Bank of China-Anzeigenkam­pagne „Beauty of China – Show the world“ (中國之美 世界看見) zu nennen. Zunehmend kommen Publikationen auf den chinesischen Buchmarkt, die sich mit dem Thema „Chinese Stuff – Essentially Chinese“ en détail auseinandersetzen und bei der singapurischen Buchhandelskette Page One die Bestsellerlisten anführen. Die zugrundeliegende politische Zielsetzung spiegelt sich in dem Vorwort eines gleichnamigen Werkes wider: „In the modern consumer society, the powerful media and omnipresent advertisements are ushering globalized commodities into our lives at an unprecedented speed. It seems to take us only one night to get exactly the same things as most people in the rest of the world do, for instance, Coca Cola, iPod and Nokia. Most of these commodities are very influential, being designed for imaginary customers of an identical lifestyle. (…) Still, there are a great number of ordinary objects that have been used everyday and reflect a nation’s characteristics. (…) As the level of globalization deepens, Chinese are adopting fresh angles in viewing their own life. (…) Although most of the ‚Chinese things‘ we discuss here are not meticulously made or involve latest technology, they nevertheless enable readers to catch glimpses of the Chinese way of thinking, which opens a window to the Chinese culture.“ Sind es die historischen Paläste oder Tempel mit ihren großen roten Laternen und Löwenstatuen? Sind es womöglich Pandabären – wie sie auf einer Werbekampagne der Provinzhauptstadt Chengdu zu sehen sind, die mit dem Slogan „Real China – Hometown of Pandas“ auf sich aufmerksam macht? Ist es der öffentliche Zahnarzteingriff auf der Straße, um den sich Touristen scharen und über den sie später berichten werden, diese Szene sei „typisch chinesisch“? Oder – im Zeitalter digitaler Kurznachrichten und Akronyme – „T I C“; es steht für „This is China“.

Diese subjektiven Momentaufnahmen in einem sich rasant und inhomogen entwickelnden Land können sich zu nicht mehr als einem Chinabild akkumulieren, das singulär zwar präzise erscheint, gesamtgesellschaftlich jedoch vage bleibt und „chinesische Essenz“ (ti, 体) zumeist vermissen lässt. Diese hatte einst der Vordenker der chinesischen Öffnungs- und Modernisierungspolitik, Deng Xiaoping, – wohl wissend, dass „starke Bilder fremder Kulturen“ (Haustein) die eigene herausfordern – als „geistige Zivilisierung“ im Gegensatz zur ausschließlichen „Anwendung  westlicher Produkte“ (yong, 用) gefordert.

Es bleibt zu untersuchen, welche „Things Chinese“ das Chinabild im Westen dominieren und welche von chinesischer Seite bestimmt sind, als Repräsentanten ihrer 5.000-jährigen Kultur zu dienen. Der Drache wird dabei sicherlich auch in Zukunft eine Spitzenposition auf beiden Seiten belegen.

Noch sind im Kern der chinagelben Ummantelung klassische Osterspezialitäten aus feiner Schweizer Schokolade zu finden. Doch wie werden diese Bilder und Symbole unsere eigene Kultur herausfordern? Beim Einsatz von kulturellen Elementen ist höchste Vorsicht geboten und verkaufsfördernde Exotik fehl am Platz. Frohe chinesische Ostern? Frohe Ostern! at

Veröffentlicht unter Fallstudien | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wenn die Schlange nach Pfirsich schmeckt

Pfirsichblütentee-Latte. © at

Pfirsichblütentee-Latte. © at

Mit „Taste the New Year“ und fruchtigem Pfirsichblütentee-Latte startet Starbucks (xing ba ke, 星巴克) in das Jahr der Schlange. Die amerikanische Kaffeekette, die 1999 ihr erstes Café in der chinesischen Hauptstadt eröffnete, operierte Ende 2012 mit über 700 Läden landesweit. Und ein Blick in den Kaffeesatz verrät: 2014 soll China der zweitgrößte Markt außerhalb der USA werden, 2015 die Gesamtzahl der Cafés auf über 1500 in 70 Städten wachsen.

Der Jahresbeginn im Zeichen des Pfirsichs (tao, 桃) bietet auch Anlass zu weiterer Interpretation, schließlich bergen Pflanzen allgemein, nicht zuletzt durch die jahrtausendealte Tradition der chinesischen Medizin, einen hohen metaphorischen Gehalt. Bestimmte Kombinationen der vieldeutigen Silbensprache können wie ein Bilderrätsel versteckte Botschaften enthalten. In dem Werk „Wundersame Geschichte vom Pfirsichblütenquell“ (taohuayuan ji, 桃花源记) des daoistischen Dichters Tao Qian (陶潜, gest. 427 n. Chr.) steht „Pfirsichblütenquell“ als Synonym für Utopia, vergleichbar mit dem westlichen Mythos vom Garten Eden bzw. dem biblischen Paradies. Der Pfirsich gilt als Symbol der Langlebigkeit, ein zentrales Motiv u. a. in dem Roman „Reise nach Westen“ von Wu Cheng‘en (吴承恩). Eine historische Bayer-Werbung greift die Geschichte auf: In dem Opus hat der Affe Sun Wukong (孙悟空) die Pfirsiche der Unsterblichkeit aus dem Garten der Göttin Xi Wangmu (西王母) gestohlen. Der Wohnsitz der Göttin soll auf dem „Berg des westlichen Paradieses“ (kunlun, 昆仑) liegen, wo sich auch der legendäre Pfirsichgarten am Jadesee befindet. Die Bäume blühen nur alle 3000 Jahre. Alle Unsterblichen kommen zur Feier des Anlasses zusammen. Der Gott der Langlebigkeit, welcher auf einer weißen Hirschkuh (dem Überfluss) angeritten kommt und auf einem pfirsichförmigen Schalensessel Platz nimmt, ist einer von ihnen. Für ein langes Leben sind beide Urkräfte notwendig: Pfirsiche sind Weiblichkeitssymbole (yin, 阴), und der Gott der Langlebigkeit ist männlich (yang, 阳).

Im Klassiker „Traum der Roten Kammer“, der in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts verfasst wurde, wird der Pfirsich als Synonym für „Frau“ verwandt. Pfirsiche sind zudem beliebte Hochzeitsembleme und werden als Geschenk gereicht. Hochzeiten werden oft in die Zeit der Pfirsichblüte gelegt: „Man betrachtet den Frühling für die günstigste und glücklichste Zeit für die Verheirathung und giebt vorzüglich dem ersten Monde des chinesischen Jahres (im Februar) den Vorzug. In diesem Monate blühet in China der Pfirsichbaum, und davon rühren auch die häufigen Anspielungen auf diesen Baum her, wenn vom Heirathen die Rede ist.“ (Davis, 1839) In modernen Auslegungen deutet der einzelne Kern in dieser Frucht auf die Einkindfamilie.

In der Vergangenheit haben sich nicht wenige Marktakteure an dem Pfirsichblütenquell gelabt, mit Expansionen von einer Neueröffnung pro Tag von sich reden gemacht und ihr Utopia später nach unten korrigiert. Doch ob es Starbucks gelingt oder nicht, weitere 800 Cafés in den nächsten zwei-drei Jahren zu eröffnen, für Investitionen in die Langlebigkeit und Stärke der Marke ist der chinesische Markt attraktiv und bietet einen hohes Potenzial. Mit welcher Geschmacksnote jedoch Pferd und Schaf in den Folgejahren aufwarten … das bleibt mit Genuss abzuwarten. at

Veröffentlicht unter Fallstudien | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

China gibt sich die Kugel

Gold allein macht glücklich. © at

Gold allein macht glücklich. © at

Spezielle Geschenkpackungen anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes und des westlichen Weihnachtsfestes machen weit über die Hälfte des Schokoladenkonsums in China aus. Die kalte Wintersaison ist damit die „heiße Phase“ für Hersteller der kakaohaltigen Süßigkeit wie zum Beispiel Ferrero Rocher (费列罗, fei lie luo).

Zum diesjährigen Frühlingsfest im Zeichen der Schlange stattete das 1946 von Pietro Ferrero im italienischen Piemont gegründete Unternehmen seine chinesischen Handelskanäle erneut mit auffälligen Produktdisplays aus. In der klassischen Markenfarbe gehalten integriert der Aufsteller, wahlweise in Kombination mit einem wandfüllenden Poster, chinesische Elemente wie rote Chinaknoten, die mit in kaiserlichem Gold gehaltenen Schriftzeichen für Glück (福, fu) bedruckt sind. Die Knoten sind kultischen Gehaltes voll, ihre Anfertigung lässt sich bis in die Steinzeit zurückverfolgen – ein reiches Erbe, das nicht zuletzt in der Wahl des Slogans zur Geltung kommt: „Golden heritage for Golden Chinese New Year“.

Auch die Praline selbst blickt auf eine lange Geschichte zurück, gleichwohl ihre Entstehung mehr auf einem Missgeschick basiert: Im 17. Jahrhundert wurde César de Choiseul, Graf von Plassis-Praslin, vom Sonnenkönig Ludwig XIV. als Beobachter in den Reichstag von Regensburg entsandt. Da er seinen Koch vergessen hatte, wurde ihm von einer Fugger-Familie Ersatz gestellt. Diesem fielen wiederum gebrannte Mandeln in eine flüssige Schokoladenmasse, die er wenig später kredenzte. Allem Anschein nach riefen sie größte Entzückung hervor: Geboren war die „Pra(s)lin“.

Die Premium-Spezialität Ferrero Rocher (frz. rocher = „Fels“), bestehend aus einer knusprigen kugelförmigen Waffel, die mit Nougatcreme und einer aromatischen Nuss gefüllt und mit einer Schicht aus Nussstückchen und Schokolade kuvertiert wird, erobert allerdings erst seit 1984 die internationalen Märkte.

Zu festlichen Anlässen geben sich seit einigen Jahren auch chinesische Schokoladenliebhaber die Kugel in Gold. Solange der Vorrat reicht und bis zum Einläuten der alljährlichen Ferrero-„Sommerpause“. at

Veröffentlicht unter Fallstudien | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

China-Marketing – Heterotopographie eines „anderen Globus“ (Teil III)

Alles unter einen Hut bringen. © at

Teil III: Herausforderung Inkompatibilität

Die Geisteswelten des Westens und des Osten sowie daraus resultierende Usancen liegen bis heute sehr weit auseinander, was indes nicht zwingend bedeutet, dass es sich um eine unüberbrückbare Kluft handelt. Bestehende Differenzen können sehr wohl überwunden werden, wenn sich ein gegenseitig von Respekt getragenes Verhältnis aufbauen lässt.

So gilt es heute im China-Marketing insgesamt zu beachten, dass chinesische Konsumenten, auch wenn sie westliche Waren „schick“ finden, auch wenn China nie zuvor mit der restlichen Welt so eng verbunden war, keineswegs im Zuge einer Modernisierung verwestlichen, wie von einem Großteil der westlichen Presse durch touristische Momentaufnahmen suggeriert wird. Jahrtausende chinesischer Kulturgeschichte zeigen, dass China zwar stets neue Einflüsse aufgenommen hat, diese jedoch auf Praktikabilität prüfte und so weit an die eigenen Bedürfnisse anpasste, dass eine Herkunft von außen kaum mehr ersichtlich war. Diese Kraft der Assimilierung verhalf China seit jeher, seine Kultur zu festigen, Charakteristika zu erhalten und bis in die Gegenwart zu transferieren. 1936 schreibt die Frankfurter Zeitung, China erschließe sich den Erfindungen des Westens schnell und geschickt – um in der Tiefe freilich alles Westliche, die Maschinen und ihr Tempo, die abendländischen Sitten und Begriffe, wieder zu verleugnen und sich erneut dem langsamen Rhythmus der Monde und der Planeten zuzuwenden. Das uralte China erkenne nur in sich selbst seine letzte Instanz.

Managementbücher dieses Jahrtausends postulieren: Ausländer in China sollten sich damit abfinden, für Chinesen nichts mehr als „Atmosphäre“ zu sein, welche geprägt sei durch Technologie, Wissen und Finanzkraft. Das „chinesische Wissen“, die Geisteswelt, wird indes dem westlichen Wissen, vor allem in Bezug auf Technik, stets übergeordnet, wie es das Ti-yong-Prinzip (中学为体, 西学为用) einfordert: Westliche Technologien, angefangen bei den astronomischen Instrumenten der Jesuiten, werden in Gebrauch genommen, geistige Kulturgüter hingegen stark selektiert, nichts wird kritiklos übernommen. Seit jeher verstanden es die Chinesen, fremde Religionen, Gedanken und Kulturen aufzunehmen, ohne dabei ihr eigenes Wesen zu verlieren. Gerade in Zeiten eines Umbruchs bietet diese Methode kulturellen Rückhalt und verleiht der eigenen Kultur Kontinuität und Sinn. Harro von Senger zitiert den chinesischen Schriftsteller Zhang Xianliang (张贤亮), die chinesische Geschichte sei die eigentliche Religion des chinesischen Volkes, schließlich werde sie als Spiegel benutzt, um „Wegleitungen für die Zukunft“ zu suchen. Darüber hinaus verfüge sie über eine „integrierende Kraft“ und vermittele „Superstabilität“. Doch auch hier gilt: „Als Söhne und Töchter Chinas sollten wir natürlich die hervorragenden Hinterlassenschaften der traditionellen Kultur übernehmen, aber es sollte ein rationales und kreatives Übernehmen sein.“ Der Verweis auf diese Historizität und das damit einhergehende reflexive Innehalten wird allerdings allzu oft im Sinne einer Rückwärtsgewandtheit fehlinterpretiert.

Otto Franke urteilt 1911, „… daß niemand sich einbilden möge, das heutige China zu begreifen, der nicht das alte kennt.“ Die Erweiterung des Blickwinkels um eine historische Dimension ermöglicht eine Verschiebung der Lernkurve. Vorausgesetzt, wie es bereits Leibniz in der Novissima Sinica 1679 festhielt, die europäische Belehrungsgesellschaft entwickelt die Bereitschaft, sich in Sachen China in eine Lerngesellschaft zu transformieren. Ein Blick in die Chinaberichterstattung, die allzu oft aus Interessen der Macht und Manipulation Identitäten konstruiert anstatt beobachtbare Sachverhalte und für Erklärungen zugängliche Phänomene reportiert, lässt dagegen kaum eine andere Schlussfolgerung zu, als dass wir auch über 330 Jahre später in diesem Punkt keinen wesentlichen Fortschritt errungen haben. Im Gegenteil steigt die Diskrepanz zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung überproportional, solange westliche Stagnation und repetitive Stereotypbefriedigung auf chinesische Dynamik trifft.

Die größten erfolgsschmälernden Risiken gehen nicht vom Markt per se aus, sondern liegen unternehmensintern in der Inkompatibilität, lokale Realitäten in etablierte Systeme zu integrieren. Das Ohr am Markt ist es höchste Zeit, dass Marktakteure die Phase des „Versuchs und Irrtums“ beenden, die Keime der Erkenntnis langfristig geltender Einfluss- und Erfolgsfaktoren nutzen und in das Feld der Zukunft säen. Wer bereit ist, sich diesen Herausforderungen zu stellen, wird mit unternehmerischem Gespür und interkulturellem Talent auf der Topographie des chinesischen Globus erfolgreiche Ernten erwirtschaften. at

Veröffentlicht unter Unkategorisiert | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar