Nicht auf die Nase fallen – Erfolgsfaktoren im China-Marketing

Wer beim Werben nicht auf die Nase fallen will, muss in China eine Reihe von Besonderheiten beachten.

Wer beim Werben nicht auf die Nase fallen will, muss in China eine Reihe von Besonderheiten beachten.

Die Marketingstrategien vieler ausländischer Unternehmen in China basieren anscheinend auf unzureichenden Informationen – wie sonst ist die lange Liste von Misserfolgen und Fehlern der Marktakteure zu deuten?

Müssen Großprojekte mit Aushängecharakter wie das Weltraumprogramm, die Olympiade in Peking oder die Shanghaier Weltausstellung nicht primär als Mittel zur Selbstdarstellung des Einparteienstaates gelten, die als seriöse Grundlage für die Erstellung der eigenen Marketingstrategie weniger dienlich sind? Welche Rolle nehmen die »Kleinen Kaiser« ein, Chinas junge Generation, die seit der Transformation des Landes aufwuchs und im Gegensatz zu ihren Vorgenerationen stark mit okzidentalen Einflüssen in Berührung kam? Die jungen Chinesen setzen beim Kauf eines Produktes auf Prestige und Status, sie möchten zunehmend ihre Individualität ausdrücken. Ist der Fokus allein auf sie ausgerichtet, ähnelt China tatsächlich einer westlichen Konsumgesellschaft.

Wettbewerbsvorteil durch Chinakompetenz

Etwas wahrzunehmen heißt jedoch nicht zwangsläufig, »etwas Wahres zu nehmen«. So können Wahrnehmungen in China darüber hinwegtäuschen, wie kompliziert und vielschichtig sich die Marketingplanung für den chinesischen Markt gestaltet. Spezifische Chinakompetenz wird zum Wettbewerbsvorteil. Sie entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Konfuzius sagte bereits vor 2.500 Jahren: Soldaten ohne militärische Ausbildung auf das Schlachtfeld zu entsenden, kommt ihrer Entsendung auf den Friedhof gleich.

Deshalb müssen ausländische Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Marketingstrategie das Augenmerk auf die Spezifika des Landes richten, gleichsam antizipativ »die Wahrheit in den Tatsachen suchen« und nicht – wie die Praxis oft belegt – sinnvolle Anpassung erst ex post als Reaktion auf den scharfen Wettbewerb vornehmen.

Erklärungsbedarf nicht unterschätzen

So eruierte Ovomaltine, dass Milchprodukte für viele Chinesen unverträglich sind und zudem Probleme der Kühlkette dazu führen, dass Milch in ländlichen Gebieten kaum erhältlich ist. Auf der Verpackung steht folglich der Hinweis, das Getränkepulver sei auch wasserlöslich. Erklärungsbedarf ist vor allem bei ungewohnten, neuen Produkten vonnöten. So verdeutlicht in chinesischen Supermärkten eine Fotoserie von Gillette den männlichen Kunden in sechs Schritten eine Nassrasur. Und auf Knorr-Tütensuppen heißt es, dass 600 Milliliter dem Inhalt von drei Reisschalen entsprechen.

Ferrero Geschenkbox anlässlich des Chinesischen Neujahrs.

Ferrero Geschenkbox anlässlich des Chinesischen Neujahrs.

Darüber hinaus muss der Einfluss traditioneller Muster auf die ästhetische Produktdarbietung berücksichtigt werden: Farben und Formen rufen andere Assoziationen hervor als im Westen. Ausländische Unternehmen passen ihre jeweiligen markenspezifischen Farben in China nur selten an. Lokale Präferenzen werden dagegen zunehmend bei Sondereditionen, Geschenkpackungen, der Gestaltung von Werbematerialien oder bei exklusiv für den chinesischen Markt bestimmten Produkten, wie der Unilever-Zahnpasta Zhonghua (中华), berücksichtigt.

Markenname ist Herausforderung

Jia le fu – Positive Silben für die Transliteration des Markennamens kommen an.

Jia le fu – Positive Silben für die Transliteration des Markennamens kommen an.

Eine starke Herausforderung ist die Entwicklung eines chinesischen Pendants des Marken- oder Firmennamens, für den unbedingt Silben mit positiver Konnotation gewählt werden sollten. Dabei muss das Charakteristikum der chinesischen Sprache berücksichtigt werden, dass zahlreiche gleich lautende Silben und Worte Unterschiedliches bedeuten. Ein Beispiel für eine gelungene Übertragung ist der chinesische Unternehmensname der französischen Supermarktkette Carrefour: »Jia le fu« (家乐福) bedeutet »Familie, Freude, Glück«.

Ein chinesischer Markenname ist obligat, die Wiedererkennung kann jedoch durch doppelte Produktkennzeichnung – die Applikation des chinesischen und ausländischen Markennamens auf der Verpackung – oder die Integration der chinesischen Schriftzeichen in den Markenschriftzug oder das Logo gewährleistet werden.

Kommunikation mit Sensibilität

Auch in der Kommunikationsstrategie ist kulturelle Sensibilität ein entscheidender Erfolgsfaktor. In Werbeanzeigen werden, die konfuzianische Kultur und die Unterscheidung von kultureller Substanz und ökonomischem Fortschritt (ti/yong-Prinzip) zugrunde legend, Themen wie Familie, Respekt, vorbildhaftes oder kollektivistisches Verhalten begrüßt. Erotische Anspielungen hingegen sind nicht erlaubt, wenngleich sie durch Beziehungen (»Guanxi«) oder unterschiedliche Gesetzesauslegungen in den einzelnen Regionen durchaus anzutreffen sind, bei Esprit-Werbung zum Beispiel. Die Thematisierung von Individualität ist ebenso problematisch. Visa wählte folglich als Werbespruch die chinesische Redewendung »Unendliches Meer und grenzenloser Himmel« (海阔天空, haikuo tiankong), denn sie steht – den deutschen Slogan zugrunde legend – für die »Freiheit, die man sich nimmt«. Überhaupt sind Redewendungen in China sehr beliebt, sie unterstützen die indirekte Ausdrucksweise und unterstreichen dennoch die Bedeutung.

Integration chinesischer Symbole in der Werbegestaltung: The Opposite House Peking.

Integration chinesischer Symbole in der Werbegestaltung: The Opposite House Peking.

In der Werbegestaltung bietet sich die Integration chinesischer Symbole wie Tiere, Pflanzen, Zahlen oder Bauwerke an, denn sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Werbebotschaft verstanden wird. Zahlreiche Unternehmen verwenden zum Beispiel die Tiere des chinesischen Tierkreiszeichens wie im aktuellen Jahr den Drachen. Ein historischer Rückblick zeigt dieses Tier bereits um 1916 (ebenfalls ein »Jahr des Drachen«) auf in China angebotenen Bayer-Produkten. Der Himmelstempel (The Opposite House), die Verbotene Stadt (Cadillac) oder die Hochhaussilhouette von Pudong (Wrigley‘s) sind weitere beliebte Werbeelemente.

Neben den hier stellvertretend dargestellten Beispielen sind viele weitere Faktoren der Marketingelemente Produkt und Kommunikation sowie der Preis- und Distributionspolitik in China durch landesspezifische, volkswirtschaftliche und besonders durch zum Teil Jahrtausende alte kulturelle Muster und Konventionen beeinflusst. Bei der Marktbearbeitung müssen ausländische Unternehmen sowohl globale als auch lokale Elemente einsetzen. Denn die chinesische Geistesgeschichte kennt kein Entweder-oder, sondern analog zur Lehre von Yin und Yang nur ein Sowohl-als-auch.

Lokale Niederlassungen international tätiger Unternehmen in China müssen verstärkt die Funktion eines Kompetenzzentrums wahrnehmen und Know-how in Bezug auf nationale Unterschiede konsequent in wettbewerbsfähige Handlungen umsetzen. Dies sichert in Zeiten wachsender Globalisierung sowie der Individualisierung von Konsumentenbedürfnissen den Erfolg auch in China. at

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Erfolgreicher Nestbau eines Schweizer »Spatzen«, Nestlé – mehr als 100 Jahre in China

Tradition als Marketingstrategie genutzt: Geschenkverpackungen anlässlich des Chinesischen Neujahrsfests.

Tradition als Marketingstrategie genutzt: Geschenkverpackungen anlässlich des Chinesischen Neujahrsfests. (© at)

Drei Jahrzehnte rasantes Wirtschaftswachstum hat es gedauert, um das Entwicklungsland China als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zu positionieren. Es gibt kaum ein westliches Unternehmen, das keine Maßnahmen ergriffen hat, um an dieser Entwicklung zu partizipieren. Dazu zählt auch die Nestlé S.A., deren chinesische Töchter allein 2010 um elf Prozent gewachsen sind und ihren Umsatz auf 2,79 Milliarden Schweizer Franken gesteigert haben.

Damit gehört die Region China nicht nur zu den Top-Vier-Wachstumsmärkten, sondern auch zu den Top 10 umsatzstärksten Märkten des in weit über achtzig Ländern operierenden Konzerns. Innerhalb dieser zehn muss sich China allerdings noch mit einer Position zwischen Kanada und Australien begnügen, sprich Ländern, deren Einwohnerzahl eher mit der Bevölkerung von Chongqing oder von Shanghai vergleichbar ist.

Noch reichlich Potenzial

In China steckt für das Unternehmen aus Vevey also noch reichlich Potenzial, das es für seine zahlreichen Marken wie Pure Life, Maggi, Nescafé oder KitKat in den unterschiedlichsten wettbewerbsintensiven Segmenten zu erschließen gilt. Marketing kommt hier eine Schlüsselrolle zu.

Dem Marktbeobachter fallen schnell Außenwerbungen, Sponsorships oder diverse Formen sichtbarer Einbringung in die chinesische Gesellschaft im Rahmen von Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten auf. Doch vor allem im Detail zeigt sich, welches Maß an lokaler Kompetenz die Schweizer, deren chinesischer Name 雀巢 (que chao) in Anlehnung an das Firmenlogo übersetzt »Spatzennest« bedeutet, aufbringen, um den chinesischen Konsumenten zum Produktkauf zu bewegen.

Gerade im unternehmerischen Kernbereich der Lebensmittel ist zu berücksichtigen, dass das Geschmacksempfinden stark lokal geprägt ist. So gibt es Nestea beispielsweise mit dem Aroma Zitrone-Grüntee und ein Eiskonfekt mit Sesamnote. Besonders wichtig ist, dass in der chinesischen Philosophie nicht zwischen Ernährung und Medizin unterschieden wird, neben den hohen Anforderungen an Lebensmittelsicherheit ein Aspekt, den Nestlé unter anderem bei einem Milchprodukt mit hohem Calcium- und niedrigem Fettgehalt sowie einer Getränkeserie namens »Vitality« berücksichtigte, die in Chrysantheme, Aloe Vera und Blaubeere erhältlich ist.

Besondere Verpackungen

Neben dem Produkt müssen auch bei der Preisfindung lokale Besonderheiten berücksichtigt werden, schließlich sind gerade Konsumenten mit niedrigem Kaufkraftniveau bei ihrer Produktauswahl bestrebt, das Maß an Unsicherheit so gering wie möglich zu halten. Mit kleineren Einheiten versucht Nestlé, diese Hürde zu nehmen: Nescafé wird zum Beispiel in kleinen Sachets à 1,8 Gramm offeriert und Maggi-Fläschchen gibt es sogar mit 18 Millilitern. Kaufzugaben und Werbegeschenke scheinen ebenso ein probates Mittel zu sein wie ein Lätzchen als Beigabe zur Babynahrung oder ein verschließbarer Behälter bei Getränkepulver, der die Qualität des Inhaltes nach dem Öffnen besonders in feuchten Klimazonen gewährleistet. Am anderen Ende der Skala sind wiederum attraktive Nescafé-Geschenkverpackungen mit auffälliger Farb- und Formgestaltung im Regal, vornehmlich in den lokal beliebten Farben rot und golden oder mit traditionellen Motiven wie Chinaknoten oder Laternen. Über das Jahr verteilt sind chinesische und westliche Feiertage wie das traditionelle Neujahrsfest, Valentinstag, Halloween oder Weihnachten besondere kulturelle Anlässe. Um Bildung zu zeigen und Respekt gegenüber der Tradition Chinas auszudrücken, greift Nestlé auch auf kalligrafische Verzierungen zurück. Derartige Festofferten bieten auch eine sehr gute Möglichkeit, neben einem Hauptprodukt weitere Artikel des Chinasortiments anzupreisen.

Wie ist bei diesem Grad differenzierter Marktbearbeitung dennoch eine internationale Wiedererkennung der einzelnen Markenprodukte sichergestellt? Allem voran durch die zumeist umgesetzte doppelte Kennzeichnung, also eine Applikation des Markenschriftzugs sowohl in lateinischen Buchstaben als auch in chinesischen Schriftzeichen.

Pionier bei Lebensmitteln

Im Gegensatz zu vielen anderen Firmen, die ebenso im Zuge der chinesischen Öffnungspolitik unternehmerische Tätigkeiten in dem asiatischen Land ergriffen haben, kann die 1867 gegründete Nestlé auf Erfahrungen im vormodernen China zurückgreifen. Das erste Vertriebsbüro wurde 1908 in Shanghai eröffnet. Zu dieser Zeit waren Größen wie Siemens, Krupp oder BASF bereits im Markt aktiv, doch im Nahrungsmittelsektor zählt Nestlé zu den ersten ausländischen Akteuren.

Ein Rückblick erlaubt den Vergleich, dass die Schweizer das Rad seit ihrem Wiedereintritt 1990 nicht neu erfunden haben, sondern damals wie heute den Balanceakt zwischen lokaler Stärke und internationaler Marke verstehen. Zu den ersten im Markt eingeführten Produkten zählt neben der gesüßten Kondensmilch Eagle Brand die Kindernahrung Lactogen, die bereits 1924 aus Australien importiert wurde. Ein Aspekt, der auch werbetechnisch genutzt wurde, schließlich ist das Ursprungsland damals wie heute für die Beeinflussung der Kaufentscheidung bedeutend.

Den Archivunterlagen zu Folge setzte die Nestlé & Anglo-Swiss Condensed Milk Co. für die Bekanntmachung der Produkte auf Werbeschilder tragende Chinesen, eine personalintensive Maßnahme, die über die Zeiten hinweg besonders in Entwicklungsländern günstig und effektiv ist. Der zwischenmenschliche Kontakt, der hierbei eine direkte Kommunikation der Produktvorzüge und Benutzungsvorteile ermöglicht, ist nicht zu unterschätzen. Für die wohlhabendere Käuferschicht in Shanghai gab es wenige Jahre nach Markteintritt wiederum einen »Tea Shop« mit Produktverkauf und Gastronomie, heutzutage würde von einem Flagship Store die Rede sein.

Global und lokal verbinden

Die Erfahrungen aus der Vergangenheit auch für die Gegenwart zu nutzen, empfiehlt sich gerade bei einer über die Jahrtausende konstanten Kultur wie der chinesischen. Der Vergleich historischer und rezenter Marketingaktivitäten weist interessante Parallelen auf und ermöglicht, kurzfristige Trends von langfristigen Einfluss- und Erfolgsfaktoren zu unterscheiden. Nestlé demonstriert dieses nicht nur beispielhaft, mit seiner global-lokalen Expertise und bei steigendem Wohlstand auf chinesischer Seite wird der Gelbspatz sein Nest in zukünftigen Geschäftsberichten wohl in höherer Lage bauen. at

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